Afghanistan ist ein von Konflikten zerstörtes Land. Die Friedrich-Ebert-Stiftung sucht in Afghanistan seit 2002 nach Möglichkeiten die Konflikte zu lösen. In dem Buch „Konfliktbearbeitung in Afghanistan – Die systemische Konflikttransformation im praktischen Einsatz bei einem Großgruppenkonflikt“ wird eine sehr zukunftsfähige neue Methode vorgestellt.

In Afghanistan herrschen externe und interne Konflikte, die weit zurückreichen und einander überlagern. Das komplizierte Geflecht an Konflikten ist teilweise undurchschaubar und hat verheerende Auswirkungen. Das Buch gibt einen kurzen aber sehr gut strukturierten Überblick über die verschiedenen Konfliktursachen.

Sein Kapitel über die Konfliktursachen schließt Bahram Rahman ab mit einem Abschnitt über mögliche Lösungsansätze. Dabei betont er:

Die Konflikte müssen genau untersucht werden, und neue wie alte Ansätze sollten in Afghanistan mit Vorsicht erprobt und angewendet werden. Sonst wird das Friedenskapital verloren gehen, und neue Konflikte werden den bestehenden Konfliktlinien in Afghanistan hinzugefügt werden.

Einen dieser neuen Konfliktlösungsansätze vertreten Marco de Carvalho und Jörgen Klußmann. Im zweiten Teil des Buches werden die theoretischen Grundlagen erklärt und im dritten Teil die praktische Umsetzung erläutert. Die Autoren wählten einen ganzheitlichen Ansatz zur Konfliktbearbeitung. Für sie entsteht ein Konflikt nicht nur aus gegensätzlichen Interessen. Erst das Gefühl der Bedrohung der eigenen Entwicklungsmöglichkeiten schafft ein Konfliktpotenzial. Laut de Carvalho und Klußmann werden Konflikte zuerst als Gefühle wahrgenommen. Diese Gefühle werden in der Konfliktbearbeitung nicht berücksichtigt. Aber gerade Gefühle wie Angst, Entsetzen, Trauer, Scham oder Hass spielen in Konflikten zwischen Einzelpersonen, Großgruppen oder Ethnien eine wichtige Rolle.

Die Autoren erläutern ihren Lösungsansatz:

Konfliktgefühle und Lösungsgefühle sind immer ganz subjektiv und müssen in dieser Subjektivität gewürdigt werden. Die Systemische Konflikttransformation schenkt gerade der Entstehung und Wandlung (Transformation) dieser Konfliktgefühle in Lösungsgefühle größte Aufmerksamkeit und arbeitet bewusst mit ihnen.

Die systemische Konflikttransformation wird als ganzheitlicher Ansatz verstanden. Alle Möglichkeiten werden genutzt, um die Konfliktgefühle umzuwandeln. Dazu zählt natürlich auch, aber eben nur als Teil des Ganzen, die Sachebene, also Wiedergutmachung, Entschädigungszahlungen, Entwicklung von Infrastruktur usw.

Die Autoren de Carvalho und Klußmann haben Schulungen zur systemischen Konflikttransformation in Afghanistan durchgeführt. Dabei wurden unter anderem Mitglieder von Nichtregierungsorganisationen, Medien, Parteien, Gewerkschaften geschult, diese Art der Konfliktbewältigung in ihrem Wirkungsbereich anzuwenden. Einige der Praxisbeispiele aus diesen Schulungen wurden in dem Buch ausführlich dargestellt. Dabei wird deutlich, dass diese Art der Konfliktlösung kulturelle Besonderheiten vollständig einbezieht, da die Lösungen innerhalb des Systems gesucht werden. Die Dozenten haben den Teilnehmern nicht vorgefertigte Lösungen geliefert, sondern lediglich eine Methode, um ihre Konflikte zu lösen.

Die Autoren schreiben dazu:

Akzeptanz der Systemischen Konflikttransformation erhöht sich in dem Maße, wie sie in der Lage ist, kulturelle Besonderheiten zu integrieren und Lösungen nicht nach westlichem Muster zu suchen. In Systemaufstellungen mit Einheimischen bleibt jederzeit genügend Raum, die jeweils gültigen Traditionen für bestimmte Schritte zu integrieren und einen Weg zu finden, der unter Berücksichtigung individueller und kollektiver Werte akzeptabel wird.

Diese Studie ist empfehlenswert für alle, die sich mit Konfliktbearbeitung beschäftigt. Es liefert eine Methode mit sehr viel Potenzial zur Konfliktlösung.

Das gesamte Buch kann man bei der Friedrich-Ebert Stiftung als PDF herunterladen.


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