Gestern bekam ich eine Mail von Survival International, in der man mich darum bat, auf eine Petition aufmerksam zu machen und ein Video in meinem Blog zu posten. Das mache ich gern, aber nicht ohne einige kritische Gedanken zu diesem Anliegen zu äußern.
Als ich das Video sah überkam mich ein Unwohlsein. Eines, das vergleichbar ist mit dem Gefühl, welches mich beim Anblick dieses Bildes habe:

Menschlicher Zoo

Quelle: Wikimedia Commons

In dem Video, welches bewusst am Ende dieses Beitrages steht, ist ein Flug über den brasilianischen Regenwald zu sehen, der dazu dient, dem geneigten Zuschauer ein „unkontaktiertes indigenes Volk“ zu zeigen. Sonst glaubt ja keiner, dass es tatsächlich noch „unkontaktierte Völker“ gibt. Hier wird der Mythos des „Erstkontaktes“ mit dem „edlen Wilden“ geradezu zelebriert.

Schon die Perspektive des Videos ist typisch. Es zeigt, mit welcher Überlegenheit wir solche Situationen wahrnehmen. Ich weiß, dass Survival International etwas Gutes erreichen will. Vielfalt, die Differenzen und verschiedenen Lebensweisen der Menschen unserer Welt finde ich sehr erhaltenswert. Wo kämen wir denn hin, wenn alle gleich wären? Das wäre doch langweilig!

Dennoch sehe ich die Herangehensweise bisweilen kritisch. Wir (hier verstanden als die sogenannte „westliche Zivilisation“) sollten den Anderen nicht diktieren, was sie zu tun und zu lassen haben. Diesen Fehler machen „wir“ seit vielen Jahrhunderten und haben daraus immer noch nichts gelernt. Das Motto von Survival International zeigt dies: „Wir helfen indigenen Völkern ihr Leben zu verteidigen, ihr Land zu schützen und ihre Zukunft selbst zu bestimmen.“ Nimmt man tatsächlich an, diese Völker könnten ihr Leben selbst bestimmen, wenn eine engagierte NGO ihnen quasi vorschreibt, dass sie möglichst isoliert bleiben sollen, weil sie sonst an Zivilisationskrankheiten sterben könnten?

Die Debatte um den Mythos der “unkontaktierten Völker“ haben schon andere Ethnologen geführt. Bei “antropologi.info” gibt es zwei sehr gute Zusammenfassungen (hier und hier) mit sehr vielen weiterführenden und lesenswerten Links. Darin wird auch erörtert warum die Beschreibung „unkontaktiertes Volk“ falsch ist. Seit mehr als zwanzig Jahren weiß man von verschiedenen Bevölkerungsgruppen, die – hauptsächlich im Amazonasgebiet – sehr isoliert leben. Isoliert zu leben heißt aber keineswegs, dass sie gar keinen Kontakt zu Menschen außerhalb ihrer Dorfgrenzen haben. Und um nichts von der Welt zu wissen muss man nicht unbedingt isoliert im Amazonasgebiet leben.

Greg Downey, der bei „Culture Matters“ bloggt, macht einen, meiner Ansicht nach, sehr guten Vorschlag, mit dem wir die westlichen Mythen des „edlen beschützenswerten Wilden“ umgehen und den Menschen auf Augenhöhe begegnen können.

“Why can’t we go with that story: protecting the environment, wildlife, and the local people’s ways of life against the shattering impact of wreckless resource extraction to feed petroleum addiction? Why do we have to stoop to the whole ‘they think the plane is a giant bird or spirit’ and ‘their way of life was unchanged for 10,000 years’ cannard?”

Ich habe mich beim Ansehen dieses Videos gefragt, ob wir diesen „menschlichen Zoo“, der uns schon seit der Kolonialzeit verfolgt, jemals abschütteln können. Können wir die Lebensweise der Menschen einfach hinnehmen, ohne sie als „Steinzeitmenschen“, „Relikte der Evolution“ oder „potentielle Opfer der westlichen Zivilisation“ zu sehen? Seht euch das Video an und urteilt selbst:

 

Rechtfertigt der gute Zweck, also das Erhalten-Wollen verschiedener Lebensweisen, eine derartige Darstellung und Mythenbildung?  Ich freue mich auf Meinungen und Kommentare.

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