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Ostdeutsche sind eine Ethnie


Ein deutsches Gericht hat festgestellt, dass Ostdeutsche keine eigene Ethnie sind. Dieses Urteil des Stuttgarter Arbeitsgerichts ist nicht unumstritten und bietet Ethnologen derzeit die Möglichkeit, sich in öffentliche Debatten einzumischen. Denn für Ethnologen ist klar: Ossis sind natürlich eine Ethnie. Nun müssen die Ethnologen einen öffentlichen Diskurs zu ihrem Verständnis des Begriffes „Ethnie“ anstreben.

Thomas Bierschenk, Professor am Institut für Ethnologie und Afrikastudien der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, hat einen Versuch unternommen, sich in die Diskussion einzumischen. In einer Pressemitteilung teilte er seine Sichtweise zu dem Urteil mit und gab eine Erklärung des Begriffes „Ethnie“ aus ethnologischer Sicht.

Bierschenk kritisierte den veralteten Ethnienbegriff, auf den sich sowohl die Richter am Stuttgarter Arbeitsgericht als auch der Anwalt der Klägerin bezogen:

Die Vorstellung, dass Ethnien so etwas wie Volksstämme sind, die auf der Grundlage gemeinsamer Geschichte, Sprache, Religion, Tradition und Abstammung existieren und die eine gemeinsame ‘Kultur’ teilen, die sich von anderen Kulturen eindeutig unterscheidet, geht im Grunde auf Vorstellungen Herders im 18. Jahrhundert zurück. Diese Vorstellungen wurden durch Forschungen widerlegt und gelten unter Ethnologen heute als überholt.

In der neueren Forschung hat sich ein Ethnienbegriff durchgesetzt, der das ausgeprägte Wir-Gefühl von Gruppen betont.

Bierschenk erklärt:

Dieses Wir-Gefühl entwickelt sich in erster Linie in Abgrenzung zu anderen Gruppen – Ethnien sind immer nur Ethnien in Bezug auf “signifikant Andere”, von denen sie sich abgrenzen und von denen sie ihrerseits als Gruppe wahrgenommen werden. Ohne Wessis keine Ossis und ohne Ossis keine Wessis.

ostdeutsches Ampelmännchen (Foto: Rainer Sturm, Quelle: pixelio.de)

Das Wir-Gefühl wird durch bestimmte „Identitäts-Markierer“ erzeugt. Zu diesen Markieren zählen Dinge wie der grüne Rechtsabbiegerpfeil oder Spreewaldgurken. Aber auch die Vorstellung, bestimmte geschichtliche Erfahrungen zu teilen, und das Gefühl der Diskriminierung durch „die Anderen“ führen zu einem starken Wir-Gefühl. Je nachdem gegenüber welchen „Anderen“ man sich abgrenzen muss, kann man sich verschiedenen Wir-Gruppen zugehörig fühlen. Zum Beispiel fühlt sich ein Hamburger gegenüber einem Bayern als „Norddeutscher“. Gegenüber einem Engländer oder Franzosen, würde er ich als „Deutscher“ fühlen.

Bierschenk räumt ein, dass dieses Verständnis des Begriffes Ethnie im Grunde nicht justiziabel sei. Denn die Frage, ob eine Gruppe eine Ethnie ist, kann immer nur relativ und in Abgrenzung zu einer anderen Gruppe erfolgen.

Ein Problem, welches Bierschenk damit aufwirft, ist die Frage nach der Anwendbarkeit der Antidiskriminierungsrichtlinien. Im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz heißt es:

Ziel des Gesetzes ist, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen.

Auch in Bezug auf den Gesetzestext äußert sich Bierschenk kritisch:

Ich weiß nicht, ob der Gesetzgeber sich was dabei gedacht hat, als er den Begriff der Ethnie aus europäischen Richtlinien übernahm. Warum hat man sich nicht auf die juristische Weisheit der Väter des Grundgesetzes verlassen? Dort heißt es doch in Paragraph 3 ganz eindeutig, dass niemand wegen seiner ‘Heimat und Herkunft’ benachteiligt werden darf.

Wie man an dem aktuellen Fall erkennen kann, ist der Begriff „ethnische Herkunft“ nicht klar definiert. Zumindest ist wohl das Verständnis sehr unterschiedlich, wie auch in diesem Beitrag gezeigt wird. Hier wird sogar auf die längst überholte „genetische Definition“ der Ethnie verwiesen, welche von manchen Medien nun wiedergegeben wird.

In der Öffentlichkeit ist die Vorstellung des Begriffs Ethnie geprägt von Schlagwörtern wie „Stamm“ oder „Rückständigkeit“. Eine Auseinandersetzung mit dem Begriff Ethnie, mit dem „Wir“ und den „Anderen“, mit Zugehörigkeit und Identität, ist also dringend notwendig. Eventuell klappt es dann auch mit der Integration besser.

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2 Kommentare

  1. Hallo Kathrin! Das ist ja absolut spannend, was du hier berichtest. Danke.

  2. Ich hatte von diesem Fall in der Zeitung gelesen – und fand das ganz schön heftig. Ein “Minus-Ossi”, na danke…

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