Die Ethnologin Dr. Vera Kalitzkus hat  das Phänomen der Organspende aus verschiedenen Perspektiven untersucht. Welche Probleme bei der Spende entstehen schildert sie in ihrem Buch “Dein Tod, mein Leben”.

Sie verdeutlicht, dass es trotz aller medizinischen Rationalität klare psychologische und emotionaler Gründe gibt, sich gegen eine Organspende zu entscheiden. Die meisten Menschen unterscheiden nicht so konsequent zwischen Körper und Seele, wie die naturwissenschaftlich-medizinische Rationalität dies verlangt. Die transplantierten Organe werden als Teil des Spenders gesehen. Es fällt schwer, menschliche Organe als eine Art “Ersatzteile” wahrzunehmen. Viele Empfänger berichten darüber, dass sie eine Verantwortung für den Spender empfinden, der in ihnen weiterlebt. Es gibt auch einige Berichte, dass sich durch das Transplantat das Wesen des Empfängers geändert hat. Kalitzkus weist ebenfalls darauf hin, dass es für viele Empfänger nicht einfach zu verkraften sei, sein eigenes Leben dem Tod eines anderen Menschen zu verdanken.

Auf der anderen Seite sind die Angehörigen der potenziellen Organspender einer großen emotionalen Belastung ausgesetzt. Der Fall einer möglichen Organspende trifft immer unerwartet ein, zum Beispiel nach einem Unfall. Falls der Spender selbst keinen Organspenderausweis hatte, müssen die Angehörigen entscheiden, ob die Organe gespendet werden können. Die Angehörigen sind in dem Fall einer enormen Belastung ausgesetzt, denn ein Hirntoter scheint noch am Leben zu sein. Er atmet noch und fühlt sich noch warm an. In einer solchen Situation zu entscheiden, ob die Organe entnommen werden dürfen, ist für die Angehörigen keine leichte Entscheidung. Und auch wenn sie sich dafür entscheiden, können im Nachhinein Zweifel entstehen, unter denen Sie lange zu leiden haben.

Dr. Vera Kalitzkus hat Ethnologie studiert und Erfahrungen im Hospizbereich gesammelt. An der Universität Witten/Herdecke arbeitet sie im Institut für Allgemeinmedizin und Familienmedizin über die kulturelle Konzeption von Körper, Selbst und Tod. Ihr Buch ist ein Plädoyer gegen einen moralischen Druck zur Organspende und eröffnet Sichtweisen, die in der aktuellen Diskussion nicht genügend Beachtung finden.

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