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Mehr Gewalt in Orientdarstellungen!

„Geschichte kann zu Einsichten führen und verursacht Bewusstsein.“ So heißt es in dem Werbespruch des Zeitgeschichtlichen Forums in Leipzig , welchen man überall in der Stadt lesen kann. Für mich eine sehr wichtige Aussage. Je mehr wir über unsere Geschichte und auch die Geschichte anderer wissen, umso besser können wir einander verstehen. Das Problem, auf welches ich dabei immer wieder stoße, sind verschiedene Versionen der Geschichte, die viele gegenwärtige Konflikt anheizen und nicht zu einer Lösung derselben beitragen werden.

Sehr interessant fand ich daher einen Artikel, den ich in einem neuen Magazin für Kinder- und Jugendmedienforschung der Universität Zürich las. Unter dem Titel „Spielen mit Geschichte – Living History in populären Kindermedien“ untersucht der Regensburger Kulturwissenschaftler Dr. Helmut Groschwitz verschiedene Zugangsmöglichkeiten zu Geschichte für Kinder. Er erläutert dabei die gespielte Geschichte zum Beispiel auf Mittelaltermärkten oder Ritterfesten. Auch museumspädagogische Ansätze werden erläutert. Groschwitz stellt die Diskussion über didaktische Möglichkeiten der Geschichtsvermittlung überblicksartig dar.

Auch verschiedene Kinderbücher werden analysiert. Der Autor stellt unter anderem das Buch „Iftah ya simsim – Spielend den Orient entdecken“ vor und betont die auffallende Stereotypisierung des Orients. Er weist auf den hohen Informationsgehalt der einzelnen Kapitel hin, bemängelt aber die fehlende Auseinandersetzung mit Konflikten in der arabisch-islamischen Welt. Er schreibt:

„In den Kapiteln … erfahren die kindlichen Leser viel über den Alltag, die Darstellung folgt allerdings einer orientalistischen, weitgehend konfliktfreien Idealwelt, die sich weder räumlich noch zeitlich verorten lässt. Kriege und Kreuzzüge bleiben dabei ebenso ausgeblendet wie die Thematik des Kolonialismus und aktuelle Konflikte.“

Was will der Autor damit sagen? Dass in Bezug auf die arabisch-islamische Welt mehr Konflikte dargestellt werden müssten?

In keiner der Analysen der Kinderbücher über europäische Geschichte wird dieser Aspekt betont. In den Büchern wird gezeigt, wie Kinder im Mittelalter auf einer Burg lebten. Auch dort fehlt die Darstellung von Kriegen, Unterdrückung, Konflikten usw. Es gibt sicherlich sehr viele unrühmliche Aspekte europäischer Geschichte, die dabei ausgeblendet werden. Die fehlende Beschäftigung mit diesen Kapiteln europäischer Geschichte wird hier nicht bemängelt.

Später schreibt Groschwitz:

„Auffällig ist die meist deutliche Stereotypisierung der Darstellungen, welche hier als Vorstufe für eine detailliertere Darstellung aber sinnvoll ist (so wie Kinderbücher allgemein häufig Stereotype verwenden). Stereotype fungieren als Orientierungsangebot bzw. als Orientierungsleistung, die dann später differenziert und ausgebaut werden kann.“

Zugegeben, ich bin in Fragen der Didaktik und Pädagogik nicht sehr bewandert. Aber ich bezweifle, dass es gut für Kinder sein kann, zunächst einmal zu lernen, dass in der europäischen Geschichte alles „Friede, Freude, Eierkuchen“ war, während die Geschichte der arabisch-islamischen Region von Kriegen und Konflikten geprägt war. Wie soll man diese Stereotypen später differenziert betrachten können, wenn sie schon im Kindesalter geprägt werden?

Eine Studie zu Vorurteilen in Kinderbüchern hat Wolfgang Benz, Historiker und Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismus-Forschung, vorgelegt. Er sagte gegenüber Deutschlandfunk: „…die Rolle der Kinder- und Jugendliteratur könne man gar nicht ernst genug nehmen, wenn es um die Prägung von Vorurteilen geht.“

Es sollte meiner Meinung nach auch in Kinderbüchern zum Thema Geschichte darauf geachtet werden, dass keine verzerrten Versionen der Geschichte das Bewusstsein prägen. Das Bemängeln fehlender Gewalt- oder Konfliktdarstellungen in Bezug auf die arabisch-islamische Welt ist daher der falsche Ansatz!

PS: Bitte an meine Leser: Wer kennt gute Grundlagenlektüre zu Verwendung von Stereotypen in Kinderliteratur? Würde mich über Hinweise freuen.

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1 Kommentar

  1. Das genannte Buch gehört zu einer ganzen Reihe im Ökotopia-Verlag, in der es darum geht, andere Kulturen spielerisch zu entdecken. In dem Indianerbuch steht nichts über Reservate und das gnadenlose Abknallen der Büffelherden, in dem Band über Lateinamerika nichts über den Kolonialismus und seine Folgen, in dem Band über die Römer nichts über die Untersrückung und Ausbeutung anderer Völker (wenn ich das richtig in Erinnerung habe). Es geht darum, dass die Kinder Lieder, Kleidung, Geschichten, Spiele, Speisen und Sitten anderer Kulturen kennenlernen, angepasst an die Zielgruppe Kindergarten- und Grundschulkinder.

    Falls wir eine Kinderfreizeit zum Thema Orient machen, kann ich ja mal vorschlagen, dass wir die Kinder in Israelis und Palestinenser einteilen und sie sich mit Steinen bewerfen lassen. Oder so. :(

    Natürlich kann und sollte man in Kinderbüchern auch über Probleme und Konflikte sprechen, aber alles am richtigen Ort!

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