Die Europameisterschaft 2012 rückt unaufhaltsam näher. Von der UEFA wurde die Kampagne „Respect“ ins Leben gerufen. Damit soll unter anderem auf das Thema Rassismus aufmerksam gemacht werden. Rassismus im Fußball? Gibt’s nicht mehr! Schließlich haben wir Özil & Co. Wie könnten wir also rassistisch sein?

Der Sozialanthropologe Christian Ungruhe von der Universität Bayreuth untersucht, wie koloniale Denkstrukturen sich im Fußball des 21. Jahrhunderts fortsetzen – nur ein Beispiel dafür, wie stark koloniales Gedankengut noch in unserer Gesellschaft verankert ist.

Seit den 1920er Jahren setzten Kolonialverwalter und Missionare in Afrika Sport ein, um die angeblich unzivilisierten Afrikaner zu disziplinieren. Auch heute gehen europäische Trainer auf der Suche nach neuen Talenten mit einer ähnlichen Einstellung nach Afrika. Sie versuchen die ballverliebten Jungtalente zu finden, die im Umgang mit dem Ball verspielt und grazil seien. Man müsse ihnen dann in Europa erst einmal taktische Disziplin beibringen.

Diese Gedanken des frühen 20. Jahrhunderts finden also im 21. Jahrhundert ihre Fortsetzung. Ungruhe sagt: „Ich habe mit zahlreichen Fußballspielern aus Afrika gesprochen. Sie alle haben wiederholt die Erfahrung gemacht, dass europäische Fußballclubs ihnen eine stärkere taktische Disziplin vermitteln wollen. Dabei spielen offenbar auch Klischees von einer kraftvollen, aber naiven afrikanischen Ursprünglichkeit eine Rolle.“

Afrikanische Fußballer werden in Deutschland als Stars gefeiert. Sie gelten als integriert, wenn sie sportlichen sowie ökonomischen Erfolg haben. Im Amateurbereich haben Spieler afrikanischen Ursprungs jedoch weiter mit Anfeindungen zu kämpfen, nicht zuletzt, weil es Kampagnen gegen Rassismus auf dieser Ebene weniger gibt. Spielt ein Afrikaner jedoch in der Ersten Bundesliga – und das taten in der Saison 2011/2012 immerhin 33 – gilt er nicht nur als Star, sondern auch als „Vorzeigemigrant“. Das heißt aber nicht, dass sich die Art und Weise, wie sie gesehen werden, geändert hat. Den Spielerpersönlichkeiten wird, in Abgrenzung zu den europäischen Fußballern eine Andersartigkeit zugeschrieben. Die Stereotype der „Ursprünglichkeit“ und „natürlichen Spielfreude“ bleiben erhalten. Sie werden jetzt positiv gewertet. Spielfreude ist jetzt als nicht mehr undiszipliniert, sondern exotisches Mittel zum Erfolg.

So werden Afrikaner, egal ob junges Talent oder erfolgreicher Bundesligaspieler, immer „anders“ gesehen. Afrikaklischees bestehen weiter, auch wenn afrikanische Profivereine die Spieler längst auf den „europäischen Markt“ vorbereiten.

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