Die in der Ethnologie angesiedelten Untersuchungen über das Verhältnis zwischen Mehrheiten und Minderheiten liefern Erkenntnisse, die auch in aktuellen Integrationsdebatten hilfreich sein können.

Auf Mallorca werden 20.000 Menschen als xuetes kategorisiert. Ihnen wird nachgesagt, sie redeten viel; sie seien intelligent aber körperlich schwach; sie seien auf Geld und Materielles fixiert und geizig. Es wird angenommen, dass xuetes die Nachfahren der Juden sind, die im Jahre 1435 einer kollektiven Zwangstaufe unterworfen wurden. Die Entstehungsgeschichte dieser Personenkategorie ist jedoch nicht in allen Einzelheiten nachvollziehbar. Heute werden Menschen als xuetes bezeichnet, wenn sie einen von 15 bestimmten katalanischen Familiennamen tragen. Allerdings ist nicht sicher, ob die mit den heutigen xuetes in Verbindung gebrachten Namen tatsächlich den Juden von damals entsprechen. Damit ist auch nicht klar, ob die xuetes tatsächlich jüdische Wurzeln haben. Von außen werden sie als Juden bezeichnet, immer mit einer negativen Konnotation.

Die Juden legten nach der Zwangstaufe den jüdischen Namen ab und nahmen einen christlichen Namen an. Sie standen immer in dem Verdacht der Häresi und wurden von der Inquisition verfolgt. Die „Neuchristen“ versuchten, ihre Loyalität gegenüber der Kirche durch öffentliche Glaubensbekenntnisse, z. B. den Verzehr von Schweinefleisch, auszudrücken.

Trotz der Zurschaustellung der Zugehörigkeit zur Kirche und den Versuchen, sich in christlichen Kirchen zu integrieren, wurden die xuetes von den Altchristen nicht anerkannt. Sie wurden als Christen zweiter Klasse angesehen und vom öffentlichen Schulwesen und höheren Ämtern in Kirche, Militär und Politik ausgeschlossen. Durch diese Exklusionsmechanismen wurden die xuetes gezwungen, eigene Gremien und Wohlfahrtsorganisationen zu gründen. Die verwandtschaftlichen und wirtschaftlichen Beziehungen untereinander, sowie die lokale Komponente (viele xuetes wohnten in der Straße der Silberschmiede – traditionell das jüdische Viertel) führten zu einer Festigung der xuetes als Gemeinschaft.

Der Begriff xuetes hat bis heute eine negative Bedeutung, obwohl durch einen sogenannten „Heritage“-Zugang versucht wird, ihm eine positive – besonders touristisch brauchbare – Außenwirkung zu geben. Für die xuetes selbst ist es eine „hohle Identität“. Sie sind weder „richtige“ Katholiken noch Juden. Von den Einen werden sie abgelehnt, den Anderen fühlen Sie sich nicht zugehörig. Einige xuetes versuchen diese Identität zu füllen, indem sie sich ihren „imaginierten“ jüdischen Wurzeln zuwenden. Viele sehen eine (Rück-)Konversion jedoch als nicht notwendig an, denn es sind keine jüdischen Traditionen überliefert worden.

Ein Vergleich

Von dieser Studie über die xuetes ausgehend kann man Parallelen zur Situation im Einwanderungsland Deutschland ziehen. Mag die Situation der Türken in Deutschland auch noch so unterschiedlich sein, so lassen sich dennoch Parallelen ziehen. Viele Nachfahren der Migranten, also die zweite und dritte Generation, haben Identitätskrisen. Sie haben das Gefühl, in Deutschland Bürger zweiter Klasse zu sein. Zur Heimat ihrer Eltern oder Großeltern haben sie kaum noch Bezug. Auch diese hohle Identität muss gefüllt werden. Einige wenden sich, wie die xuetes, der Religion zu, mit welcher sie von Außen identifiziert werden. Hier, wie auch bei den xuetes, ist dies keine über Generationen tradierte und überlieferte Religion, sondern entspricht eher einer „Diasporareligiosität“.

Wie die xuetes hauptsächlich als Juden gesehen werden, werden die Migranten in Deutschland immer zuerst als Türken wahrgenommen. Ihr „Deutschsein“ wird immer angezweifelt und in Frage gestellt. Auch die für die xuetes beschriebenen Exklusionsmechanismen wirken in Deutschland. Die Konsequenz ist der Rückzug in die eigene Gemeinschaft – die sooft beschworene „Parallelgesellschaft“.

An diesem Beispiel kann man sehen, dass die Beziehungen zwischen Mehrheiten und Minderheiten seit Jahrhunderten die gleichen Entwicklungen durchlaufen. Diese zu durchbrechen wird das Ziel sein müssen, wenn wir in einer Welt leben wollen, in der Differenzen gleichberechtigt nebeneinander existieren können. Die Erkenntnis über die Mechanismen, die dabei wirken, sind ein erster Schritt.

Zum Weiterlesen über die xuetes:
Christian Riemenschneider (2009): Die „xuetes“, Mallorcas katholische Juden. In: Beziehungsgeflecht Minderheit : zum Paradigmenwechsel in der Kulturforschung, Ethnologie Europas / Elka Tschernokoshewa ; Udo Mischek (Hg.). Münster: Waxmann, S. 63–83.

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