Was macht die Islamwissenschaft? Es sei eine „eigenartige Wissenschaft“ sagte Gudrun Krämer als ihr 2010 der Gerda Henkel Preis verliehen wurde. Geht es um die Religion oder um die Region? Aber welche Region könnte das sein? Oder versucht diese Disziplin etwa, eine islamische Kultur oder eine islamische Politik zu erklären? Die Islamwissenschaft lässt sich nur schwer definieren. Krämer versucht, den kleinsten gemeinsamen Nenner in der Definition der Islamwissenschaft als Kulturwissenschaft zu finden. Seit dem „cultural turn“ sei das kein Problem mehr, denn Kultur wird nicht mehr als Teil menschlichen Tuns gesehen, sondern

„als ein über Zeit und Raum veränderbares Muster von Wahrnehmungen, Darstellungen und Handlungsweisen, das alle Lebensbereiche durchdringt und individuelles Handeln ebenso inspiriert und gestaltet wie die gesellschaftliche Ordnung.“ (Krämer, 2011, S. 44)

Diese Definition im Kopf, kann man wohl nicht davon ausgehen „den Islam“ als homogenes unveränderliches Gebilde zu betrachten. Die Religion wirkt sich auf die Gesellschaft, die Wirtschaft und die Politik aus, genauso wie sich diese wiederum auf die Religion auswirken. Die Aufgabe der Islamwissenschaft ist es, diese Wechselwirkungen zu erforschen. Und Gudrun Krämer macht genau das. Sie versucht beispielsweise zu zeigen, wie „der Westen“ einen islamischen Reformprozess in Gang gesetzt hat, der wiederum den Islamismus hervorgebracht hat.

Diese Verflechtungen und Wechselwirkungen machen es dem Laien sehr schwer, ein differenziertes Verständnis für die Muslime und die Vorgänge in der muslimisch geprägten Welt zu entwickeln. Eine Einteilung in schwarz/weis oder gut/böse ist scheinbar einfacher zu vermitteln als sehr komplexe Zusammenhänge. Es ist also kein Wunder, wenn in den Debatten immer wieder zu Vereinfachungen und Pauschalisierungen gegriffen wird. Gudrun Krämer bedauert dies und sagt:

„Die islamische Tradition bietet, wie jede andere Tradition auch, ein Reservoir, das unterschiedliche Möglichkeiten bereit hält. Wie das Judentum und das Christentum ist der Islam eine Religion der Möglichkeiten.“ (Krämer, 2011, S. 48)

Hier komme ich nun wieder zu der schwierigen Frage: Muss sich die Wissenschaft stärker darum bemühen, die differenzierte Sichtweise, welche durch die Ergebnisse der Forschungen erst ermöglicht wird, auch in die breite Öffentlichkeit zu kommunizieren? Braucht es Journalisten oder Medien, die den differenzierten Blick und nicht die Verallgemeinerung transportieren? Oder sind es die Konsumenten der Medien, die dieses Wissen nachfragen müssen?

Zum Nachlesen: Gudrun Krämer „Distanz und Nähe. Fragen einer kritischen Islamwissenschaftlerin“. Gerda Henkel Stiftung (Hg.). Rhema, 2011. (weitere Informationen hier)

PS: Wenn euch die Themen der „dialogtexte“ gefallen, freue ich mich über eure Stimme bei der Frauen-Blog-WM. Hier abstimmen.

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