In der Fachzeitschrift American Anthropologist* untersucht Stephen Silliman, wie die Metapher „indian country“ („Indianerland“) in US-Militäreinsätzen verwendet wird. Der Begriff wird benutzt, um feindliches, ungesichertes und gefährliches Territorium zu beschreiben. Der Autor erläutert seine Verwendung im Vietnamkrieg, im Irak und in Afghanistan, und untersucht die Bedeutungen, welche der Begriff transportiert.

Der Begriff „Indianerland“ hat für die amerikanischen Ureinwohner eine positive Bedeutung, die aber durch das US-Militär ins Negative umgewandelt wird. Die Metapher wird in den aktuellen Kriegen im Irak und Afghanistan sogar noch häufiger als im Vietnamkrieg oder im ersten Golfkrieg verwendet. Auch ranghohe Militärs benutzen den Ausdruck, wenn sie über das gefährliche Feindesland sprechen. Colin Powell benutzte die Metapher „Indianerland“, als er über den Vietnamkrieg sprach.

Um den Kontext der Verwendung der Metapher zu verdeutlichen, liste ich kurz einige Zitate auf, die Silliman in seinem Artikel anführt:

„From across the river, we hear a boom in the distance. And then another. “This is like cowboys and Indians,” relays a Marine. Indeed it is.”

“This is Iraq, Indian Country where bad guys do things like take you out and cut your head off.”

“Anbar has the savagery, lawlessness and violence of America’s Wild West in the 1870s. The two lethal cities in Iraq are Fallujah and Ramadi, and … between them is Indian Country.”

Der Begriff „Indianerland“ hat seinen Ursprung in der westlichen Grenzregion der USA des 19. Jahrhunderts. Charakterisiert wurde das “Indianerland” damals durch dunkelhäutige Wilde ohne technologische Entwicklung, ohne Religion (d. h. ohne Christentum), die gegeneinander Krieg führten. Das Land sollte einer angemessenen Regierung übergeben werden und ordentlich genutzt werden. Die Indianer kämpften mit einer Guerillataktik in einem Krieg, den sie nicht gewonnen haben oder auch nicht gewinnen konnten. Diese Merkmale werden durch die Verwendung der Metapher „Indianerland“ auf die Einwohner Vietnams, Iraks oder Afghanistans übertragen.

„In both cases, whether battling Indians in the 19th century or Iraqis in the 21st century, the U.S. military discourse attempts to convey civilization’s battle against savagery…” (Silliman, S. 241)

Im kollektiven Gedächtnis der USA, oder zumindest des Militärs, ist der Begriff fest verankert. Er beinhaltet militärischen Erfolg sowie gefährliche Gewalt. Bei der Verwendung der Metapher kommt es nicht auf historische Genauigkeit an, sondern vielmehr auf die emotionale und angenommene Bedeutung.

Vergangenheit und Gegenwart

Durch die Verwendung der Metapher „Indianerland“ werden Vergangenheit und Gegenwart auf eine Art und Weise miteinander verknüpft, die den Soldaten einerseits vermittelt, dass ihre heutigen Kämpfe schon einmal gekämpft wurden. In diesem Zusammenhang dient die Metapher auch dazu, das Ergebnis der Krieges vorauszusagen, nämlich den glorreichen Sieg der amerikanische Truppen.
Auf der anderen Seite wird die Vergangenheit durch den Filter der Gegenwart gesehen. Ein Soldat, der im Irakkrieg „Indianerland“ gesehen hat, wird sich die Kriege in den USA des 19. Jh. genauso vorstellen. Dadurch wird nicht nur die Wahrnehmung der Gegenwart durch diesen bedeutungsvollen Begriff geprägt, sondern auch das Geschichtsbild.

Bezug nur auf Indianerkriege

Ein Bezug auf andere amerikanische Kriege findet nicht statt. Es gibt keinen Bezug zum Bürgerkrieg, in dem man für Freiheit kämpfte, oder zum zweiten Weltkrieg, in dem man Europa von den Nazis befreite. Man nimmt mit der Metapher „Indianerland“ ausschließlich Bezug auf die Kriege, welche die Unterwerfung ganzer Völker zum Ziel hatten.

“Instead, the “Indian wars” were designed to remove resistant Native Americans from lands that the U.S. government wanted for mineral extraction, railroads, or White settlers. U.S. soldiers today do not feel like they are fighting against an empire who oppresses a region’s inhabitants but, rather, against a group of so-called infidels who resist being made to conform to another government’s wishes.” (Silliman, S. 242)

Dieser Diskurs wurzelt im Kolonialismus und in der Aggression, schreibt Silliman. Die Metapher vom „Indianerland“ repräsentiert die Sprache des Kolonialismus, Imperialismus und der mutmaßlich höchsten Ordnung der Zivilisation.

“The discourse also seems to feed on elements of White supremacy, because, historically, the racialized metaphor has been used in nonwhite, non-Western regions such as Vietnam and Iraq that can be rendered as “savage.” (Silliman, S. 242)

Und weiter schreibt Silliman:

“As a result, the military speaks of “Indian Country” as a place to dominate and control, not as the homelands of some of its current enlisted men and women who frequently serve their country in percentages higher than in the overall U.S. population.” (Silliman, S. 243)

Natürlich hat die Verwendung der Metapher auch Auswirkungen auf die amerikanischen Ureinwohner. Sie, bzw. ihre Vorfahren, werden mit den „Feinden“ gleichgesetzt, die wiederum allgemein als Terroristen bezeichnet werden. Die nordamerikanischen Indianer haben das Gefühl, dass sie in ihrem eigenen Land somit immer noch als Feind wahrgenommen werden.

Das sagt man doch nur so

Der Autor widerspricht der Annahme, dass der Bezug auf die Indianerkriege bedeutungslos und nur eine Floskel sei. Sprache hat Auswirkungen auf das Denken der Menschen. Linguistische Praktiken haben soziale, politische und kulturelle Folgen, besonders wenn sie eine Sprache des Kolonialismus und der Macht enthalten, erläutert Silliman.
Er betont, dass er keine Aussagen darüber machen kann, wie viele Soldaten den Begriff tatsächlich verwenden oder wie viele die Verwendung und die Bedeutungsübertragung ablehnen. Es gibt keine Studien zur Meinungsvielfalt im US-Militär. Jedoch kann von den öffentlich gewordenen Berichten, welche diese Metapher verwenden, darauf geschlossen werden, dass der Begriff sehr weit verbreitet ist und immer diese hier beschriebene negative Bedeutung transportiert.

* Stephen W. Silliman (2008): The “Old West” in the Middle East: U.S. Military Metaphors in Real and Imagined Indian Country. In: American Anthropologist, Jg. 110, H. 2, S. 237–247.

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