Über das Suchen und Finden der Identität

„Deutsch bist du jedenfalls nicht, aber was dann?“ Diese Frage hört Luisa Wackermann oft, als sie einige Jahre in Berlin lebt – auf der Flucht vor ihrer deutschen Familie. Ihre „deutsche“ Familie? Hat sie denn noch eine andere? Ja, sie hat sogar drei. Eine deutsche, eine türkische und eine “restjugoslawische”. Luisa, die auch noch zwei andere Namen hat, begibt sich in dem Roman „Suna“ von Pia Ziefle auf die Reise in die Vergangenheit, auf die Suche nach ihrer Herkunft. Der Grund dafür ist ihre Tochter, denn diese schläft nicht. Der alte Dorfarzt sagt, sie könne nicht schlafen, weil sie keine Wurzeln schlagen kann. Also erzählt Luisa ihrer Tochter in sieben schlaflosen Nächten die Geschichte ihrer Herkunft.

Es ist eine Geschichte, die bis zu den Urgroßvätern reicht und die viele Brüche enthält. Die Fragen „Wer bin ich?“ „Woher komme ich?“ und „Wo gehöre ich hin?“ steht immer wieder im Raum. Kriege haben Spuren hinterlassen, die man auch in der dritten Generation danach noch spürt. Familienschicksale, wie der viel zu frühe Tod einer Mutter und die Alkoholabhängigkeit eines Vaters wirken auf das Leben der Kinder und Kindeskinder. Auch Migration spielt eine große Rolle. Die Lebenswege von Menschen aus verschiedenen Ländern haben sich durch die nachfolgenden Generationen untrennbar miteinander verknüpft.

Die Frage nach der Identität ist eine der wichtigsten, die sich Mensch stellen. Wir sind geprägt durch den zweiten Weltkrieg und die damit verbundenen Fragen „Was ist damals geschehen? Was haben meine Eltern oder Großeltern erlebt? Welche Schuld tragen sie?“ Viele können oder wollen diese Fragen nicht mehr beantworten. Das zweite die Identität beeinflussende Moment ist für viele Menschen die Migration. Das mag die migrierende Generation noch nicht so sehr berühren, die nachfolgenden dafür um so mehr.

Nachdem Luisa selbst viele Jahre um ihre Identität gerungen hat, macht sie es ihrer Tochter leichter und erzählt ihr all die Schicksale und die verschlungenen Wege, ohne die sie nicht geboren wäre. Sie macht das, „…weil ich möchte das du früher verstehst als ich, dass niemand von uns unabhängig sein kann von der Geschichte seiner Vorfahren, sogar dann nicht, wenn wir ihnen noch nie begegnet sind.“

Pia Ziefle beschreibt in einer wunderschön klaren, einfachen und berührenden Sprache die Geschichten von Menschen, die selbst jeweils ganze Romane füllen könnten. Sie verknüpft die Fäden der unterschiedlichsten Lebenserfahrungen verschiedener Menschen in dem Leben von Luisa, die in diesem Netz ihren Platz finden muss.

Die Autorin lenkt die Aufmerksamkeit auf ein bedeutendes Thema: Identität. Es ist kein neues Thema. Die Menschen fragten sich schon immer, woher sie kommen, wohin sie gehen und wer sie sind. Heutzutage wird Identität jedoch immer häufiger von anderen aufgedrückt, wie auch die Erzählerin Luisa feststellen musste. Aber in dem Roman „Suna“ wird deutlich, dass jeder Mensch seine eigene Identität, seine eigenen Wurzeln finden muss, „…denn ohne Wurzeln kann das Herz nicht wachsen.“

Fazit: Unbedingt lesen.

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