Frieden im Nahen Osten ist unerreichbar. So scheint es. Doch Alexandra Senfft zeigt in ihrem Buch „Fremder Feind, so nah“, dass auf einer persönlichen Ebene eine Verständigung zwischen Israelis und Palästinensern möglich ist.

Dalia Golomb und Rawda Sliman - Eine israelisch-palästinensische Freundschaft (Quelle: edition Körber Stiftung Foto: © Judah Passow)

Inspiriert von Dan Bar-On, einem israelischen Psychologen, erfolgt die Annäherung über das sogenannte „Storytelling“. Israelis und Palästinenser erzählen in Dialogprojekten ihre Lebensgeschichten und entdecken so Gemeinsamkeiten, von denen sie dachten, dass sie gar nicht existieren.

In ihrem Buch spricht Alexandra Senfft mit sehr unterschiedlichen Menschen, die eines gemeinsam haben: den Willen zum Frieden. Durch die Dialogarbeit hoffen sie, einen Weg zu finden, ihre Unterschiede und Gegensätze zu überwinden.

Sie besucht Dalia Golomb, eine 81-jährige Israelin. Die Tochter des Gründers der jüdischen Untergrundarmee Haganah, aus der später die israelische Armee hervorging, ist heute Mitglied von „Machsom Watch“. Sie protestiert gegen die Besatzung und beobachtet die Soldaten an den Checkpoints. Sie organisiert auch Gruppenreisen, in denen sie versucht, Israelis die Auswirkungen der Besatzung zu zeigen. Dalia Golomb verbindet heute eine tiefe Freundschaft mit Rawda Sliman, einer palästinensischen Schauspielerin.

Rawda Sliman sagt über ihre Freundin: „ Der Unterschied zu so vielen anderen Menschen in diesem Land ist, dass eine Frau wie Dalia nicht nur den Schmerz der Juden wahrnimmt, sondern auch unseren Schmerz, den Schmerz der Palästinenser.“

Sehr berührend sind die Geschichten von Khaled Abu Awwad und Rami Elhanan, die sich im israelisch-palästinensischen Verein für verwaiste Eltern engagieren. Beide haben Familienmitglieder verloren. Sie wurden von „den Anderen“ getötet. Dennoch fallen sie nicht in einen Strudel von Hass und Rache, sondern finden Gemeinsamkeiten in dem Schmerz, einen geliebten Menschen verloren zu haben.

Rami Elhanan, ein Israeli dessen Tochter durch einen Selbstmordanschlag eines Palästinensers ums Leben gekommen ist, erzählte Alexandra Senfft von seiner ersten Begegnung mit Palästinensern im „Elternzirkel“. Sie gibt es folgendermaßen wieder:

Nach viel Abwehr willigt Rami schließlich ein: „Das war wie ein Erdbeben“, sagt er … Die Israelis, die mit dem Bus eintrafen, darunter Holocaust-Überlebende, hätten ihn beeindruckt. Noch eindrücklicher seien aber die Palästinenser gewesen. Ganze Familien seien aus dem Bus gestiegen, Frauen, Männer, Greise und Kinder. Sie seien auf ihn zugekommen, hätten ihn umarmt, geweint und ihm Frieden gewünscht. „Es war das erste Mal, dass ich Palästinenser als Menschen mit eigenen Gefühlen ind in ihrem Leid wahrgenommen habe.“ sagt Rami …

Alexandra Senfft hat ein sehr persönliches Buch geschrieben. Sie bildet bei all ihren Gesprächen den dritten Punkt des „tragischen Dreiecks“ im Nahen Osten. Israelis, Palästinenser und Deutsche haben traumatisierende Erfahrungen gemacht, die alle auf irgendeine Art miteinander verbunden sind.

Sie zeigt, dass jenseits der hoffnungslosen politischen Bemühungen hoffnungsvolle Menschen die Initiative ergreifen und in Dialog mit „dem Feind“ treten.

Zur Autorin: Alexandra Senfft ist Islamwissenschaftlerin. Sie hat als UNO-Mitarbeiterin in den palästinensischen Gebieten gearbeitet und war seit 1992 immer wieder in Israel tätig.

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