web analytics

Ethnologie – die unsichtbare Wissenschaft

In letzter Zeit machten deutsche Ethnologen Schlagzeilen. In einem groß angelegten Forschungsprojekt untersuchten sie, neben anderen Wissenschaftlern, die Auswirkungen der Umbruchsituation in einer ostdeutschen Kleinstadt. Die Ergebnisse beziehungsweise das Medienecho wird hier sehr gut zusammengefasst.

Viele waren erstaunt. Ethnologen in Wittenberge? Forschen sie nicht normalerweise an exotischen Orten bei noch exotischeren Menschen? Heutzutage finden Ethnologen aber auch viele Forschungsfelder „at home“. Die Disziplin tritt jedoch kaum aus dem Elfenbeinturm heraus an die Öffentlichkeit. Das ist bedauerlich, denn die Ethnologie hat durchaus Potenzial, etwas zu heutigen Diskussionen beizutragen.

Die Stärke der Ethnologie ist ihr spezialisiertes Wissen über Kultur und Alltag in unterschiedlichen Lebenswelten. Dieses Wissen kann wesentlich zu aktuellen Debatten um Globalisierung und ihre Auswirkungen, Migration, Integration und Kulturdialog beitragen. Leider bringen Ethnologen das von ihnen produzierte Wissen nicht in öffentliche Prozesse zur Meinungsbildung ein.

Es werden Fachbücher veröffentlicht, deren Zielgruppe nicht über das Fachpublikum hinausgeht. Ein ethnologisches Fachbuch erreicht selten höhere Auflagen als 300 Stück. In anderen Ländern ist es selbstverständlich, dass Wissenschaftler auch populärwissenschaftliche Bücher veröffentlichen und sich an aktuellen Debatten beteiligen. In Deutschland schadet es eher der wissenschaftlichen Karriere, wenn man sich allgemein verständlich ausdrückt.

Ethnologen treten in der Öffentlichkeit kaum in Erscheinung. Die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Medien ist mehr als schwierig. Dass es keine Beziehungen zwischen den beiden Bereichen gibt, mag auch daran liegen, dass Ethnologen und Journalisten verschiedene Sprachen sprechen. Ethnologen haben nach einigen schlechten Erfahrungen mit der Presse Angst davor, ihre Aussagen verfälscht in den Medien wiederzufinden.

Besonders die deutsche Ethnologie erscheint als eine Art geschlossene und nach außen abgegrenzte Bastion. Eine gesellschaftlich relevante Ethnologie muss sich Gehör verschaffen. Sie muss sich öffnen gegenüber den Medien und gegenüber einem „Laienpublikum“. Allgemein verständliche Publikationen sind dafür notwendig.
Um der Ethnologie mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen, kann auch die Wissenschaft PR-Arbeit machen. Die Institute können Pressemitteilungen herausgeben, wenn ihre Forschungsergebnisse etwas zu aktuellen Debatten beitragen. Auch auf Konferenzen, Vorträge, neue Publikationen usw. kann durch Pressearbeit aufmerksam gemacht werden. In Hintergrundgesprächen können Journalisten ausführlich über bestimmte Themen informiert werden.

Möglichkeiten, die ethnologischen Forschungserkenntnisse bekannt zu machen, gibt es viele. Die Wissenschaftler müssen diese nur nutzen. Sie haben meiner Meinung nach sogar die Verpflichtung, sich an öffentlichen Debatten zu beteiligen. Schließlich werden die Institute aus öffentlichen Mitteln finanziert. Also sollten die Ergebnisse der Öffentlichkeit auch in einer verständlichen Form zur Verfügung stehen.

Eventuell bedarf es einer Art Vermittler, der zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit eine Schnittstelle herstellt. Wissenschaftler würden damit nicht ihre Karriere im Elfenbeinturm gefährden und die Öffentlichkeit würde über wissenschaftliche Forschungen in verständlicher Weise informiert. Diese Übersetzer müssten allerdings mit beiden Seiten, mit beiden Sprachen vertraut sein. Sie sollten ethnologische Theorien und Konzepte verinnerlicht haben, damit sie diese im Sinne der Wissenschaftler in der Öffentlichkeit präsentieren können.

Um mehr Debatten anstoßen zu können, muss sich die Ethnologie daran gewöhnen, PR-Arbeit zu machen.

facebooktwittergoogle_pluslinkedinmail

1 Kommentar

  1. Ein ähnliches Problem haben zumeist glaub ich auch Islamwissenschaftler, besonders was die öffentliche Wahrnehmung dieses Faches und die Realität aussieht. Ich hab leider immer noch den Eindruck, dass für viele Lehrenden und Studierenden dieses Faches “der” Islam erst in Kleinasien anfängt. Diesen auch mal in der Moschee 500 Meter vom Institut zu suchen, darauf scheinen nur wenige zu kommen.

Trackbacks/Pingbacks

  1. Ethnologie (CARGO) - @dialogtexte Ein weiterer Beitrag (http://bit.ly/ajOi5d) fragt ob die Ethnologie eine unsichtbare Wissenschaft ist. Also gleich ansehen!

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Folge mir:

facebooktwittergoogle_pluslinkedinrss

Ich unterstütze

Globale Stimmen - Die Welt spricht zu dir, hörst du ihr zu?

Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de Blogs