In diesen Tagen wird viel über Integration geredet. Jedoch ist das Verhalten vieler Politiker echten Dialogbemühungen nicht gerade zuträglich. Aber was macht einen Dialog aus? Und wer kann ihn führen?

Ein Dialog soll ein gegenseitiges Verständnis schaffen, welches Vorurteile beider Seiten abbaut. Jürgen Endres, der eine Studie zum interkulturellen Dialog verfasst hat, beschreibt das Ziel des Dialogs als die “Entdramatisierung des Trennenden” (den Begriff hat er von Armin Nassehi übernommen).

Soll ein Dialog erfolgreich sein, muss er bestimmte Bedingungen aufweisen. Diese sind:

  • Gleichwertigkeit bzw. Gleichberechtigung der Dialogpartner. Jede hierarchische Struktur zerstört den Dialog und die Erfahrungen, die miteinander geteilt werden.
  • Gegenseitiges Vertrauen. Der Umgang miteinander muss respektvoll sein, sonst ist Vertrauen schneller zerstört als aufgebaut.
  • Nichtvorhandensein eines Gewinnstrebens oder Siegeswillens. Es geht darum, den anderen kennenzulernen, nicht ihn von seinen eigenen Vorstellungen zu überzeugen.

Das größte konzeptionelle Problem des interkulturellen Dialogs besteht laut Endres in der Auswahl der Dialogpartner. Der Dialog wird nicht zwischen konkreten Personen geführt, sondern zwischen Gruppen. Diese gesellschaftlichen Gruppierungen sind meist mithilfe sehr schwammiger Begriffe definiert. Man spricht vom Dialog der Zivilisationen, Religionen oder Kulturen.

Es ist aber nicht möglich einen Dialog zwischen einer (erst in letzter Zeit hervorgehobenen) “jüdisch-christlichen Kultur” und einer (schon länger konstruierten) “islamischen Kultur” zu führen, denn es gibt für keine der beiden Kulturen einen “Sprecher”, der alle, die in irgendeiner Weise einer der beiden Kulturen zugehörig sind, vertritt.

Dialog zwischen Menschen

Der Dialog kann nur zwischen Menschen geführt werden, nicht aber zwischen Zivilisationen, Kulturen, Religionen.

Dialog zwischen welchen Menschen?

In der Studie “Die Mitte in der Krise” der Friedrich-Ebert-Stiftung wurde festgestellt, dass dort, wo am wenigsten Migranten leben, die Ablehnung von Migranten am größten ist. Ein Beispiel: Der Aussage “Für Muslime in Deutschland sollte die Religionsausübung erheblich eingeschränkt werden” stimmten im Osten 75,7% zu, im Westen 53,9%. Laut Statistischem Bundesamt haben von den 81,9 Millionen in Deutschland lebenden Menschen 15,7 Millionen einen Migrationshintergrund. Von diesen 15,7 Millionen leben 14,3 Millionen in den alten Bundesländern. In den neuen Bundesländern leben nur 1,4 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, der größte Teil davon, nämlich ca. 840.000, allein in Berlin. Von dieser Gruppe sind wiederum nur ein Teil Muslime. (Meines Wissens wird die Religionszugehörigkeit vom Statistischen Bundesamt nicht erfasst.)

Warum nun ist die “Angst vor den Muslimen” im Osten größer, obwohl die Menschen im Osten weitaus weniger Kontakt zu Muslimen haben? Die Antwort ist einfach: Eben weil sie keinen Kontakt haben, können sie die Aussagen der Politik und das Bild, welches die Medien vermitteln, nicht durch persönliche Erfahrungen und Dialoge ausgleichen. Womit ich wieder zu dem Schluss komme, dass es allein durch einen Dialog zwischen Menschen gelingen kann, Vorurteile abzubauen. Die Politik ist hier wenig hilfreich.

Politik trägt Verantwortung für gesellschaftliches Klima

Das Vorgehen der Regierung widerspricht in vielen Fällen den oben genannten Voraussetzungen für einen guten Dialog. Den Versuch des Kennenlernens gibt es praktisch nicht. Man ist der Meinung alles über die Anderen zu wissen. Es fehlt an Gleichwertigkeit und Vertrauen. Und was das “Nichtvorhandensein eines Gewinnstrebens” betrifft: es ist nicht vorhanden. Man hat das Gefühl, in jedem Gespräch müssen “die Anderen” davon überzeugt werden, unsere Werte seien die einzig richtigen. Dabei wird nicht einmal im Ansatz die Frage gestellt, wo eigentlich die Gemeinsamkeiten liegen.

Wenn nun jeder Einzelne Verantwortung für einen Dialog übernehmen kann oder sollte, wo bleibt dann die Politik? Was können Politiker oder Organisationen, die sich für einen interkulturellen Dialog engagieren, tun? Sie müssen eine Atmosphäre schaffen, in der ein Dialog möglich ist bzw. erleichtert wird. Die momentan geführten Diskussionen sorgen dafür, dass sich konstruierte (also nicht reale!) Grenzen verschärfen. Das Trennende wird im Moment dramatisiert, überbetont. Das hilft uns nicht, wenn wir alle Menschen in eine Gemeinschaft integrieren wollen.

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