In der ZEIT wurde in dieser Woche wieder einmal gefordert, eine Gruppe solle sich von einer extremen Teilgruppierung distanzieren. Nein, es geht dieses Mal nicht um Islamverbände. Es geht um Burschenschaften. Auch ich finde die Praktiken dieser elitären Vereinigungen mehr als fraglich. Ist es aber verpflichtend für jedes Mitglied, sich von extremen Ausformungen zu distanzieren?

Es fällt auf, dass die Distanzierungsaufrufe vor allen Dingen in Zusammenhang mit Gemeinschaften auftauchen, denen eine gewisse „extremistische“ Grundhaltung unterstellt wird. Dies trifft nicht nur auf die Burschenschaften zu, sondern vor allem auf die Muslime. Sie werden immer wieder dazu aufgefordert, sich von dem zu distanzieren, was irgendein fehlgeleiteter Prediger sagt oder was eine völlig abstruse Fatwa beinhaltet. Warum sollten sie das tun? Es hat mit dem Leben der meisten Muslime rein gar nichts zu tun. Warum sollte man sich ständig mit dem Gedankenmüll einiger weniger beschäftigen und seine eigene Lebensweise davon abgrenzen?

Wer verlangt von dem Durchschnittsdeutschen, sich von Neonazis zu distanzieren? Wer verlangt von allen Weißen, sich von der White-Supremacy-Bewegung zu distanzieren? Wer verlangt von Christen, sich von christlichen Fundamentalisten zu distanzieren? Warum sollte man von etwas Abstand nehmen, dem man noch nie nahe stand?

Natürlich kann man sich über menschenfeindliche Ideologien und Extremisten empören. Je nach Demokratie- oder Politikverständnis jedes Einzelnen ist es sogar eine Pflicht, dass man sich darüber empört. Aber sich von einer Ideologie zu distanzieren, der man sich nie verbunden fühlte? Käme das nicht einer Art Schuldeingeständnis gleich? Übernimmt man dadurch nicht einen Teil der Verantwortung für das Handeln der Extremisten?

Ich distanziere mich hiermit ausdrücklich nicht von Neonazis, von den Sarrazins dieser Welt und von Atomstrombefürwortern. Aber ich empöre mich über sie!

Und wovon wollt ihr euch nicht distanzieren?

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