In der ZEIT schrieb Alexander Cammann, dass die ostdeutsche Integration dank Merkel und Gauck endlich gelungen sei. Sie, die aus einem anderen Land kamen, seien durch das durchlässige politische System marschiert und damit sei der „ostdeutsche Triumph“ perfekt. Er schlussfolgert, dass die Integration der Ossis damit gelungen sei und es nun keine Unterscheidung zwischen Wessis und Ossis mehr gebe.

Cammann spricht von der Erfindung der ostdeutschen Identität, von den Jammer-Ossis und davon, dass das „Label Ost“ sozusagen als Joker angesehen wurde. Von wem dabei was erfunden wurde und zu welchem Zweck, erläutert er nicht näher. Es ist nur natürlich, dass es nach einer so langen Trennung und nach einer so langen Zeit der unterschiedlichen Geschichte und der damit verbundenen Erfahrungen zu einer Abgrenzung von den Anderen kommt. Es entstand nicht nur eine Ost-Identität, sondern gleichzeitig eine West-Identität.

Warum spricht es für die Überwindung dieser Spaltung, dass an der Spitze unseres Landes zwei Ostdeutsche stehen? Wieso überrascht uns diese Tatsache? Cammann führt in seinem Artikel eine Anzahl von „Ausnahmen“ auf, die es geschafft haben, es „trotz aller Widrigkeiten“ in der Bundesrepublik Deutschland zu etwas zu bringen – darunter Künstler, Sänger, Regisseure, Schauspieler, Fußballspieler. Diese Ausnahmen sagen meiner Meinung nach nichts darüber aus, ob es der Großteil der Bevölkerung, Wessi oder Ossi, geschafft hat, die Mauer im Kopf abzureißen.

Lassen Sie mich einen Vergleich anstellen: Ersetzen wir ostdeutsch durch türkisch (oder „migrantisch“). Es gibt türkische (migrantische) Ausnahmen – Künstler, Sänger, Regisseure, Schauspieler, Fußballspieler. Sogar Parteivorsitzende. Was fehlt, um die Integration perfekt zu machen, wäre also ein türkischer (migrantischer) Bundeskanzler oder eine türkische (migrantische) Bundeskanzlerin und einen ebensolchen durch „andere“ Herkunft gekennzeichneten Bundespräsidenten oder Bundespräsidentin.

Ich denke, das Ausrufen des „Endes der Ossis“ ist verfrüht. Erst wenn der Ossi nicht mehr als Ausnahme wahrgenommen wird, ist die Kluft geschlossen.  Gleiches gilt für Migranten. Erst wenn die ostdeutsche Bundeskanzlerin oder beispielsweise die türkische Ärztin/Rechtsanwältin kein „Ah! Oh?“ mehr hervorruft, ist Integration gelungen.

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