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Der Feind unseres Feindes ist unser Freund

Ein Kommentar zur (Nicht)Wahrnehmung der Krise in Tunesien

Ich erinnere mich an die umfassende Berichterstattung über die „grüne Bewegung“ nach der Wahl in Iran im Sommer 2009. Es wurde live berichtet. Auf Twitter lief das Thema tagein tagaus. Der iranische Botschafter in Deutschland wurde vom Außenminister einbestellt, um die Gewalt gegen die Demonstranten zu erklären.

In Tunesien gibt es seit Mitte Dezember 2010 eine ähnliche Situation. Die Reaktion aus dem Auswärtigen Amt Mitte Januar 2011: „Wir beobachten die angespannte Situation in Tunesien mit Sorge…“ Es wird also beobachtet, nichts kritisiert, nichts gefordert. Eine Berichterstattung in deutschen Medien findet kaum statt, jedenfalls nicht in den Hauptnachrichtenkanälen.

Die deutsche Öffentlichkeit scheint nicht besonders interessiert an diesem Konflikt. Warum ist das so? Sollten wir nicht jedes Aufbegehren eines Volkes gegen einen Diktator unterstützen? Oder ist es uns wichtiger, dass in Tunesien Ruhe herrscht, damit wir den Urlaub am Strand genießen können?

Die Erklärung ist einfach: Es fehlt ein Feindbild. Was wissen wir schon über diesen Zine el Abidine Ben Ali? Kein Wort über ihn in den deutschen Medien. Kein Wort über jahrelange Zensur und Unterdrückung oppositioneller Meinungen. Bei Ahmadinedschad konnte sich jeder dank Tagesschau und anderer Nachrichtensendungen ein (Feind)Bild machen. Verständlich also, dass die „grüne Bewegung“ eine so große Resonanz bekam. Wer gegen unseren Feind vorgeht, muss unterstützt werden, ist unser Freund.

Wie aber beurteilen wir die „Aufständischen“ in Tunesien? Sind es Krawallmacher, jugendliche Steinewerfer? Ist die Gewalt der Regierung, mit der sie gegen die Protestanten vorgeht, legitim? Können wir uns nur dann über ein undemokratisches Regime empören, wenn ein ausreichend starkes Feindbild vorhanden ist? Nein, wir sollten uns immer für Demokratie und Freiheit einsetzen. Dazu sind wir verpflichtet. Nicht nur in Krisensituationen, sondern immer. Auch wenn Diktatoren gerade einmal „Ruhe“ durchgesetzt haben.

Hier einige Informationen aus den Medien zu den Unruhen in Tunesien:

Revolte im Traumstrandland (Beitrag des DW-Korrespondenten Alexander Göbel)

Das Imperium schlägt zurück (Beitrag des DW-Korrespondenten Alexander Göbel)

Berichte auf Global Voices

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1 Kommentar

  1. Deutschland und die EU haben nunmal ein Interesse daran, dass in Tunesien kein Chaos herrscht. Es wäre gegen ihr Interesse den revolutionären Bestrebungen Gewicht an zu erkennen.
    Man ärgerte sich oft genug über die USA wenn sie profitorientiert Verbündete gesucht hat. Nun tut Europa genau das gleiche!

Trackbacks/Pingbacks

  1. dialogtexte - Neu im Blog: Der Feind unseres Feindes ist unser Freund. Kommentar zur (Nicht)Wahrnehmung der Krise in #Tunesien http://bit.ly/exYNPG
  2. dialogtexte - @EAKarahan Hast du meinen Komentar gelesen? http://bit.ly/exYNPG #tunesien
  3. dialogtexte - @buchfieber Das gilt auch für Tunesien. Das fehlende Feindbild spielt eine Rolle. Guck mal hier: http://www.dialogtexte.de/?p=677

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