Die Nachrichten der letzten Wochen haben mir förmlich das Herz zerrissen. Bilder von grausamen Taten der US-Soldaten in Afghanistan machten einmal mehr die Runde in den Medien. Soldaten, die grinsend ihre Opfer auf Fotos präsentieren. Sie schneiden ihren Opfern Finger ab und nehmen diese als Trophäen mit. Ein „kill team“, wie es sich wohl selbst nannte, plante die grausamen Morde an Zivilisten langfristig. Ein 15-Jähriger Junge wurde umgebracht. Einfach so. Dieser Junge hatte Eltern, Geschwister, Freunde. Vielleicht war er gut in der Schule, vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall war er unschuldig. Es gab keinen Grund, diesen Jungen zu ermorden.

Ich kann trotz aller Erklärungsversuche nicht begreifen, wie Menschen so etwas Niederträchtiges tun können. Das, was wir sehen, ist sicher nur die Spitze eines Eisberges, dessen Ausmaß an Unmenschlichkeit wir noch nicht einmal erahnen können. Wir kennen die Fotos aus Abu Ghraib und die Angriffe der US-Soldaten auf Journalisten in Irak, die es kaum erwarten können, nochmals auf einen davonkriechenden Schutz suchenden Verletzten zu schießen. Aber all diese Vorfälle sind nur einige wenige, die bekannt werden. Was wissen wir nicht?

Man kennt diese Vorfälle und denkt sich: Haben diese jungen Soldaten denn gar keine Gefühle? Sind sie reine Killer-Maschinen? Wenn sie ein Opfer vor sich sehen und sogar noch über den Tod hinaus demütigen, denken sie nicht daran, wie ihre eigenen Eltern, Ehefrauen, Kinder sich fühlen würden, wenn man sie so behandelt? Wie können sie andere Menschen so sehr als minderwertig betrachten?

Es gibt darauf nur eine Antwort: Es ist Krieg! Man muss den Feind als minderwertig betrachten. Wer könnte wohl auf jemanden schießen, der einem gleich ist? Der Feind muss nicht-menschlich sein, damit man gegen ihn in den Krieg ziehen kann. Wie das US-Militär diese Einstellung bei seinen Soldaten erreicht, habe ich in einem Artikel zu der Metapher „Indianer-Land“, welche schon seit dem Vietnamkrieg als Bezeichnung für das gefährliche Feindesland verwendet wird, bereits angedeutet. Diese im Militär sehr weit verbreitete Metapher zeigt, was die US-Soldaten von ihren Gegnern halten: Sie sind Wilde ohne Zivilisation und ohne (die richtige) Religion, deren Land einer angemessenen Regierung übergeben werden und ordentlich genutzt werden soll. Die Ausflüchte, dies sei nur eine Floskel, kann man nicht gelten lassen, denn wie wir wissen beeinflusst die Sprache das Denken.

Auch die Literatur, welche zur Vorbereitung auf Einsätze in Irak oder Afghanistan verwendet wird, zeigt, wie das US-Militär den Gegner entmenschlicht. Roberto Gonzalez erläutert in einem Kommentar in der Zeitschrift „Anthropology Today“ den Zusammenhang zwischen der Verwendung des Buches „The Arab Mind“ von Raphal Patai aus dem Jahr 1973 und den Vorfällen in Abu Ghraib. Den Soldaten wird gesagt, die Araber würden nicht linear oder rational denken, sie hätten eine andere Beziehung zur Wahrheit, sie würden sich eher auf Metaphern, als auf Tatsachen berufen, lügen sei für sie nicht unehrenhaft. Es wird ein Bild konstruiert, das eine Person zeigt, die ganz anders ist. Die Minderwertigkeit des Gegners muss von den Soldaten verinnerlicht werden, sonst wären sie wohl nicht in der Lage, solche Taten zu begehen. Das Töten würde schwerer fallen.

Warum sind wir also so entsetzt über diese Unmenschlichkeit, die uns in regelmäßigen Abständen präsentiert wird? Es ist Krieg! Krieg besteht aus Unmenschlichkeit. Die Überlegenheit der einen und die Minderwertigkeit der anderen sind Bestandteil jeden Krieges. Die eigenen „Männer“ stehen den feindlichen „Horden“ gegenüber. Es gibt keinen „sauberen“ Krieg, aus dem nur Helden hervorgehen. All das wissen wir.

Dennoch sind Vorfälle wie diese immer wieder notwendig, uns daran zu erinnern, wie verabscheuungswürdig der Krieg an sich ist. Der Krieg hinterlässt nur Wunden. Selbst diejenigen, die körperlich gesund zurückkehren, tragen tiefe Wunden in ihrer Seele. Der Krieg macht die Menschen kaputt. Nicht nur diejenigen, die sterben; auch diejenigen, die töten. Sie verlieren ihre Menschlichkeit.

Verlieren wir nicht alle unsere Menschlichkeit, wenn wir nicht in der Lage sind, solche Taten zu verhindern? Verlieren wir unsere Menschlichkeit, wenn wir Kriege nicht verhindern? Tragen wir eine Mitschuld an der Ermordung unschuldiger Kinder in Afghanistan?

Mein Dank geht heute an die Männer und Frauen, die sich dem System der Unmenschlichkeit nicht länger zu unterwerfen und sich gegen den Krieg entschieden haben. In sie setze ich meine Hoffnungen.

facebooktwittergoogle_pluslinkedinmail