Wie so häufig in den letzten Tagen schaltete ich am Freitagabend Al Jazeera English ein, um zu sehen, ob es Neuigkeiten aus Ägypten gibt. In dem Moment sah ich das Bild von Omar Suleiman, dem kürzlich ernannten Vizepräsidenten, der im ägyptischen Staatsfernsehen ein Statement abgab. Ich hörte den Übersetzer sagen: „… has decided to waive the office of the president of the republic…“ Den Rest verstand ich nicht mehr.

Al Jazeera zeigte dann minutenlang nur den Jubel auf dem Tahrir-Platz. Ich saß vor meinem Fernseher und fing an zu weinen.

Ich konnte es nicht fassen. Wieso haben mich diese Ereignisse so sehr berührt?

Wochenlang hatte ich nun schon die Demonstrationen in Tunesien und später in Ägypten beobachtet. Was mich am meisten begeistert hat, war zu sehen, dass die Differenzen, die es zwischen uns und den Anderen angeblich gibt, so unscheinbar geworden sind. Die „Anderen“ das waren für viele die Araber, mit ihrer fremden kriegerischen Religion, ihrer patriarchalischen Kultur, mit dem Hang, Frauen zu unterdrücken. Doch nun zeigten sie uns auf dem Tahrir-Platz, dass es Menschen waren, die ein selbstbestimmtes Leben, frei von Unterdrückung anstrebten. Auf dem Tahrir-Platz gab es keine religiösen Grenzen, keine Klassenzugehörigkeit, keine Geschlechtertrennung.

Muslime wurden von Christen beim Gebet geschützt, so wie Muslime die Kirchen nach dem Anschlag auf eine koptische Kirche zu Jahresbeginn schützten. Oft wurde angedeutet, dass es in der ägyptischen Gesellschaft einen Religionskrieg zwischen Muslimen und Christen gibt. Jedoch sah das die ägyptische Bevölkerung meist anders. Sie unterstellte der Regierung nicht genug zu tun, um diese Spaltungstendenzen zu beenden. Nasr Hamid Abu Zaid schrieb schon in seiner Biografie zum Verhältnis von Kopten und Christen: „Heute gibt es Vorurteile, gegenseitige Vorwürfe, Terror. Das Gewebe der ägyptischen Gesellschaft ist beschädigt – aber es ist nicht zerstört.“ Und nun? Nun sieht die ganze Welt, dass Muslime und Christen gemeinsam auf dem Tahrir-Platz Gottesdienste abhalten zu Ehren der während der Demonstrationen getöteten Ägypter. Es scheint, als würde sich das Gewebe der ägyptischen Gesellschaft regenerieren.

Nicht nur wird uns vor Augen geführt, dass es in Ägypten keinen Religionskrieg gibt, sondern auch, dass das Bild von der bemitleidenswerten unterdrückten muslimischen Frau, welches im Westen größtenteils noch existiert, nicht stimmt. Junge Mädchen werden von ihren Vätern auf den Schultern getragen. Sie geben von da oben den Takt vor. Ein Mädchen fordert Gerechtigkeit für die Getöteten und die hinterbliebenen Waisen. Eine junge Frau steht einer Reihe hochgerüsteter Polizisten gegenüber und brüllt ihnen entgegen: „ Sicherheitskräfte sind der letzte Abschaum.“ Die Männer, welche hier mitdemonstrieren, folgen ihr. Für dieses Verhalten riskiert sie in Ägypten Gefängnis, Folter, vielleicht den Tod.

Wenn ich mir die Bilder der Frauen ansehe, kann ich keine einzige unterdrückte Frau erkennen. Ich sehe ganz verschiedene Frauen: arme, reiche, religiöse, nichtgläubige, junge, alte. Aber unterdrückt scheint mir keine zu sein. Sie fordern ihre Rechte und Freiheit. Auch Nawal El-Saadawi, die alte Dame des ägyptischen Feminismus, ist überrascht und stolz. Sie sagt: „Ich bin 80 Jahre alt, aber ich bin bereit zu kämpfen!“

Diese ägyptischen Frauen, egal ob mit oder ohne Kopftuch, brauchen mit Sicherheit keine Alice Schwarzer, die sie befreit. Wer immer noch glaubt, die muslimische Frau werde unterdrückt, der wurde angesichts dieser Bilder eines Besseren belehrt oder gehört zu den Erkenntnisverweigerern.

Immer wieder, über lange Jahre der Kolonialisierung und auch danach wurden die Araber von westlichen und auch ihren eigenen Regierungen behandelt wie Kinder. Mubarak sagte selbst in seiner letzten Ansprache noch, er spreche als Vater zu seinen Kindern. Keiner traute den Ägyptern etwas zu. Man musste ihnen offenbar immer sagen, was sie machen sollten, damit sie sich entwickeln und modernisieren konnten. Nun endlich sind sie aufgestanden, haben ihre Forderungen formuliert und haben sie laut und deutlich ausgesprochen. Die Bedeutung dieser Entwicklung kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Es ist nicht nur eine Befreiung von der eigenen Regierung und von der eigenen Vergangenheit, sondern es ist vor allem eine Emanzipation vom Westen. Wie Wael Ghonim twitterte:

„Dear Western Governments, You’ve been silent for 30 years supporting the regime that was oppressing us. Please don’t get involved now.“

Diese Revolution ist der Beginn eines Dialoges, der endlich auf Augenhöhe stattfinden kann. Einige Steine der Mauern, die trennen zwischen „wir“ und „die Anderen“ sind zerbrochen. Es ist die Chance, in den Anderen nicht die Fremden zu sehen, sondern Menschen, die wie du und ich selbstbestimmt und in Freiheit leben wollen.

Hier noch einige sehenswerte Videos:

تحيا مصر long Live Egypt – 11-02-2011 from karim shaaban on Vimeo.

Ayman Mohyeldin, Korrespondent von AJE äußert seine Gedanken als jemand, der in Ägypten aufgewachsen ist:

Sound of freedom is calling:

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