Mein berufliches Netzwerk, der Texttreff, hat im Dezember ein Blogwichteln veranstaltet. Nun ist die Weihnachtszeit lange vorbei, dennoch habe ich heute einen Wichtelbeitrag bekommen. Mein Wichtel stand im Stau ;-) Das Warten hat sich aber sehr gelohnt. Daniela Wochnik hat ihre Gedanken über die Debatte um den #aufschrei niedergeschrieben. Sie fordert mehr Respekt, damit ein echter Dialog entstehen kann. Vielen Dank, Daniela!

Hier ihr Beitrag:

Ein Aufschrei geht seit Donnerstagnacht durchs Netz. Das heißt: Frauen schreiben auf Twitter unter dem Hashtag #aufschrei ihre Erfahrungen nieder und sammeln so ihre Erlebnisse zum Alltagssexismus. Das Thema hat bereits hohe Wellen geschlagen und wurde von den meisten großen Medien aufgegriffen.

Vorweg: Ich möchte hier keinen weiteren ellenlangen Artikel über persönliche Erfahrungen schreiben. Auch nicht meine Meinung dazu, was jetzt als Sexismus anzusehen ist und was nicht. Dazu ist an vielen Stellen schon viel kluges, berührendes und nachdenkenswertes geschrieben worden.

Mir ist es gerade wichtig hier das deutlich zu machen, wofür ich auf Twitter keinen Platz habe. Ein bisschen meine Gedanken sortieren. Denn das, was auf Twitter gerade passiert, erschrickt mich ein wenig. Frauen gegen Männer. Männer gegen Frauen. Frauen gegen Frauen, die sich gegenseitig mangelnde Solidarität unterstellen, wenn sie eine andere Perspektive aufzeigen oder ihre Meinung kritisch und differenziert darstellen. Oder Feministinnen, die anderen Frauen unterstellen, keine Ahnung vom Thema zu haben und nicht mitreden zu können. Und ja, auch Männer gegen Männer mit völlig gegensätzlichen Meinungen. Ist das zielführend?

#Aufschrei. Mein erster Gedanke war: gut so. Ein Thema, was bisher immer totgeschwiegen wurde aber doch nahezu jede Frau betrifft, findet endlich mal Gehör. Doch je mehr ich die Tweets las und je tiefer ich in das Thema einstieg, desto mehr hat mich dieser Aufschrei verunsichert. Verunsichert deshalb, weil ich mir nicht sicher bin, ob diese Aktion in dieser Form der richtige Weg zu einem sachlichen Diskurs ist, in dem sich keiner angegriffen fühlt. Oder zumindest nicht in dem Ausmaß, wie es derzeit bei Twitter ist (mein ganz subjektiver Eindruck). Mittlerweile habe ich mehr und mehr das Gefühl, dass dieses Aufschreien (das ja durchaus seine Berechtigung hat) zu einem gegenseitigen Anschreien wird. Frauen sind wütend. Männer fühlen sich angegriffen. Ein wildes durcheinander von verbalen Gefechten. Beleidigungen, Zynismus, Spott und, und, und. Das finde ich bedenklich. Es verhärtet und verschärft die Debatte in eine Richtung, die unschön und sogar vielleicht auch unnötig ist. Zwischen der ganzen Wut und Verstörung kommt mir da nur noch eines in den Sinn: Zerstörung. Das hinterlässt bei mir einen schlechten Beigeschmack.

Was ich mir für die weitere Debatte wünsche, damit sie nicht verpufft: mehr Klarheit, mehr Unaufgeregtheit, mehr Verständnis und vor allem: mehr Respekt. Von allen Beteiligten. Das sind wir alle, die Gesellschaft. Und das nicht nur im Netz. Nicht auf Twitter und nicht in Blogs und anderen Medien. Die Debatte kann und darf nicht nur in der digitalen Gesellschaft stattfinden. Sondern sie gehört in den Alltag auf einer differenzierten und sachlichen Ebene. Vielleicht besteht dann die Chance für mehr Sensibilisierung. Nur mit lautem Geschrei wird es nicht funktionieren. Denn entweder wird zurückgeschrien oder ganz weggehört. Und möchten nicht alle, dass man ihnen zuhört? Ich meine: ernsthaft zuhört? Aus meiner Sicht zerstört das Anschreien eher den Dialog, als das es ihn fördert.

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